Spätlese trocken

Nicht mehr ganz jung – aber auf keinen Fall süß!

*** #609060 *** 9. September 2012

Einsortiert unter: allgemein gesagt — Frau Spätlese @ 22:31
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Jetzt auch noch ich.

Ich weiß.

In allen anderen Blogs ist das Thema bereits durch, alle haben Ihre Meinung gesagt. Deswegen sage ich meine Meinung jetzt auch noch. Darf man doch, in unserer meinungsfreien Demokratie.

Wem die Überschrift nichts sagt, hier kurz zur Erläuterung: #609060 ist bei instagram die Verhohnepiepelung der (angeblichen) Idealmaße einer Frau, die da wären: Hüfte 90; Taille 60; Busen 90 – und dann sollte sie auch mindestens (ich weiß es nicht genau) 1,75 m groß sein. Unter diesem Suchbegriff posten tagtäglich Menschen Fotos von sich in ihrer Tageskleidung. So, wie sie jeden Tag aussehen, zur Arbeit gehen, im Garten wuseln, Kinder hüten, einkaufen, whatever.

Warum?

Warum tun sie das?

Weil sie festgestellt haben, dass die Mode, die derzeit erstens von der Industrie produziert und zweitens deswegen logischerweise von den einschlägigen Medien beworben wird, irgendwie gar nicht mehr auf unsere normalen, reellen Körper passt. Vielleicht ausgelöst durch die Information, dass H&M (zum Beispiel) seine Mode gar nicht an echten Models fotografiert, sondern an computergenerierten menschenähnlichen Wesen zeigt, denen einfach ein weiblicher Kopf aufgefotoshopt wird. Guckst Du hier.

Und weil es einen sowieso schon nervt, in Frauenzeitschriften und Katalogen nur halbverhungerte Models zu sehen, mit Mode, die einem im echten Leben auch nicht passt, schrieb Journelle irgendwann einen Artikel darüber und darin sich ihren Frust vom Leibe. Sie hat mit Ihrem Artikel vielen Frauen aus der Seele gesprochen. Frauen, denen auch bereits aufgefallen ist, dass die Mode in den Läden irgendwie nicht kompatibel zu dem ist, was ihren Körper kleiden und gut zur Geltung bringen würde.

Auch Frauen wie mir.

So.

Und jetzt ich.

Auch ich habe keine Idealmaße. Für diese fehlen mir einige Zentimeter an Körperlänge – ich preise den Tag, an dem ich mal eine Hose kaufen kann, ohne diese zum Schneider zu bringen und um mindestens 10 cm kürzen zu lassen. An dem Tag, als Taille im Angebot war – war ich wahrscheinlich gerade Wasser holen oder so. Taille habe ich kaum. Und mein Verhältnis von Busen zu Po weigert sich auch mit den industriegenerierten Standardgrößen zu kooperieren. Von meine Waden hingegen würde ich gern etwas abgeben. Auch ich bin scheinbar nicht normal.

Und genau an dieser Stelle möchte ich ansetzen.

Was.Ist.Normal? Verdammt!

Normal?

Normal ist heutzutage das, was sich in Sekundenbruchteilen möglichst billig in Indonesien und China zusammennähen lässt. Normal ist das, was der Industrie am besten in die Optimierung von Produktionsprozessen und Gewinnmaximierung passt.

Aber Menschen sind nicht normal. Keiner von uns. Wir sind reell. Wir unterscheiden uns in so vielen kleinen Facetten – und wenn es nur Millimeter in Schulterbreite, Taille, Hüfte, Busen, Po, Waden, ‘hierdengesuchtenBegriffeinsetzen’ geht. Wir gleichen uns nicht. Wir haben Kleidergrößen von 36 bis 46, kurze und lange Beine, kurze und lange Oberkörper usw. usf.

Ich will jetzt hier auch nicht auf den medizinischen Aspekt eingehen. Weil ich mir zum Beispiel einfach nicht vorstellen kann, dass dicke Menschen (und ich meine richtig dicke Menschen – ziehen Sie Ihre Grenze selbst) sich wohlfühlen und – denn gesund sind sie ja laut Statistik schon nicht – glücklich mit ihren Pfunden sind. Nein ich rede von einfach reellen Menschen, deren Po und Taille einfach mit der hergestellten Mode nicht harmonieren.

Blöderweise geht all das der Industrie am Arsch vorbei. Wo kommen wir denn da hin, wenn keine Größe mehr genau definiert ist? Damit also gerechtfertigt ist, was da in den Läden als Mode hängt, werden sämtliche Zeitschriften auf Standardmaße eingeschworen. Nicht nur, dass mich seit Jahren ärgert, dass dort vorpubertäre Mädels ohne jedes Fältchen gezeigt werden, nein, da wird auch kaum eine Frau zu sehen sein, die bereits ein Kind geboren hat, oder zwei oder mehr. Deren Hüften etwas breiter sind, deren Brüste schwerer hängen. Nein, ich will gar nicht wissen, was Heidi Klum ihrem Körper angetan hat, um nach dem dritten Kind sooo schnell wieder sooo auszusehen.

Natürlich schaue auch ich mir gern schöne Menschen an. Wer tut das nicht. Das Problem dabei ist aber die Konditionierung, welcher wir dabei unterzogen werden. Wir akzeptieren uns nicht mehr selbst. Wir finden uns zu dick, zu dünn, zu hässlich, nicht liebenswert. Wer hat schon Modelmaße und Model(-retuschierte) Haut? Unsere Kinder spielen mit Barbiepuppen (hey – geile Figur – oder?) und Ken ist ja auch schon ein Augenschmaus. Das ist also das, was sie von klein auf fühlen und sehen lernen. So (!) muss Frau / Mann aussehen. Und es tut mir in der Seele weh, eine junge Frau zu sehen, die sich darüber freut, in eine Hose xxxxxs zu passen – ein Kleiderbügel, auf den eine Hose gehängt wird. Fraulich ist definitiv anders.

Danke, liebe Industrie, danke, liebe Modezeitschriften.

Deswegen finde ich es gut, diese Fotos zu zeigen,  um gegen dieses System anzukämpfen. Aber es kann nur der erste Schritt sein. Wir müssen unser Denken ändern. Wir selbst müssen realisieren und akzeptieren, dass es ‘normal’ nicht gibt. Wir dürfen nicht mehr mitleidig über die Kollegin lächeln, die zugenommen hat – vielleicht hat sie ja jetzt ihr Wohlfühlgewicht? Wir dürfen unsere Freundin nicht beim nächsten Treffen fragen, ob sie zugenommen hat. Na toll, endlich sieht man nicht mehr ihre Rippen vorstehen. Wir müssen den Menschen sehen und nicht nur den Körper, in welchem er steckt. So, wie wir es bei der Freundin, der netten Nachbarin, der tollen Verkäuferin sowieso schon tun.

Eine kaum realisierbare Möglichkeit wäre es, der Industrie ihre starren Modevorgaben nicht mehr abzukaufen. Zum Schneider zu gehen und sich etwas nähen zu lassen. Aber das können wir dank Globalisierung heutzutage gar nicht mehr. Weil es zu teuer ist. Menschliche Arbeitskraft ist heutzutage kaum bezahlbar. (Es sei denn, sie lebt in Billiglohnländern, natürlich.) Früher aber war das normal.  Da ging man zum Schneider, der nahm einem die Maße ab und nähte einem das Teil auf den Leib. Und dieses Teil trug man dann, bis es nicht mehr ging und ein neues her musste. Dieses eine Teil.

Das macht heutzutage natürlich keiner mehr. Die Mode wechselt und wir alle müssen mit. Längen, Farben und Schnitte ändern sich. (Haben Sie nicht auch schon über Ihre Kollegin gelästert, die an drei aufeinanderfolgenden Tagen das Selbe trug?) Das geht natürlich nur billig. Und zack – sind wir wieder am Anfang.

Billig heißt standardisiert. Einige können dem Dilemma entkommen. Frau Mutti zum Beispiel näht selbst. Das kann nicht jeder – ich kann es auch nicht.  Ich kann zwar ein wenig nähen – aber straßentaugliche Mode bekomme ich nicht hin.

Was aber bleibt für die Masse?

Was aber bleibt für die normale, reelle Frau mit den abweichenden Körpermaßen?

Es bleibt nur, dass wir alle Toleranz und Akzeptanz lernen. Dass wir lernen, uns und andere anzunehmen, so wie wir sind. Dass wir Kleidung auch mal länger tragen als nur einen Sommer / Herbst / Winter. (Ha! Endlich kann ich zugeben, dass ich meinen roten Herbstmantel schon bald sieben Jahre trage.)

Dabei, denke ich, helfen die Bilder auf instagram. Guckt hin und toleriert, was Ihr seht. Ihr seht reelle Menschen. Reelle Menschen. Denn normal ist keiner von uns.

Vielleicht schaffe ich es dann auch irgendwann beim nächsten Foto, den Bauch eben NICHT einzuziehen.

Blöde, konditionierte Idiotie.

 

8 Responses to “*** #609060 ***”

  1. Von der Aktion hab ich noch garnix mitbekommen. Wo bist Du denn auf der Seite? Da sind ja gefühlte 7 Mio Bilder drauf…

    LG Susanne

  2. Britta Sagt:

    . . . Du sprichst mir und sicherlich xxxxx anderen Frauen aus der Seele, Daaaanke
    PS. Taille hätt’ ich, nimmst du auch etwas Po? :-))

  3. Britta Sagt:

    PPS: Uups, natürlich möcht’ ich die Männer, denen es evtl. ähnlich geht, nicht unterschlagen . . .

    • Frau Spätlese Sagt:

      Natürlich nicht – es gibt bei instagram auch Männer, die dort mitmachen. Das ‘Normale-Figur-Problem’ haben bestimmt nicht nur Frauen.

  4. Reblogged this on DUNKELROT Blog und kommentierte:
    LESEN BITTE!!!!!

  5. [...] Spätlese über *** #609060 *** Models, Normalität und (unbezahlbare) maßgeschneiderte Kleidung. Dieser Eintrag wurde [...]


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